Erfahrungen & Bewertungen zu Lektorin Christine Rödl

Einen guten Buchanfang zu schreiben, ist nicht leicht. Er soll neugierig machen, zum Weiterlesen animieren, die Hauptfigur vorstellen, einen ersten Blick auf die Buchwelt ermöglichen und darf auf keinen Fall langweilig sein. 

Kurz gesagt: Auf dem Buchanfang lasten hohe Erwartungen. Und die alle zu erfüllen, ist alles andere als leicht. Doch wer am Anfang schludert, verschenkt Potenzial und wird es früher oder später bereuen. Damit dir das nicht passiert, zeige ich dir in diesem Blogartikel, was du beachten musst, um einen guten Anfang zu schreiben.

Warum ist der Anfang so wichtig?

Was tust du, bevor du ein Buch kaufst? Du siehst dir das Cover an (klar, ist ja meist das Erste, was du siehst), liest dir den Klappentext durch und vermutlich, wirfst du auch einen Blick ins Buch. Und damit du dich nicht versehentlich spoilerst, beginnst du nicht irgendwo in der Mitte mit dem Lesen, sondern am Anfang.

Je mehr dich dieser Anfang catcht, je interessanter er ist und je tiefer er dich in die Geschichte zieht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du das Buch kaufst. Und das geht nicht nur dir so, sondern auch den meisten anderen Leser:innen.

Solltest du dein Manuskript an einen Verlag oder eine Agentur schicken wollen, muss dein Anfang ebenfalls direkt überzeugen. Denn Verlagslektoren lesen oft nicht mehr als vier Seiten deiner Leseprobe. Wie gesagt: Wer am Anfang schludert, wird es später bereuen.

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Wer das Ziel erreichen will, sollte Freunde und Verbündete an seiner Seite haben.

Was macht einen guten Buchanfang aus?

Der Anfang deiner Geschichte muss Leser:innen dazu bringen, weiterlesen zu wollen. Soweit, so gut. Aber wie genau schreibt man einen guten Anfang?

Um diese Frage zu klären, habe ich dir hier mal ein paar Beispiele mitgebracht:

Buchanfang Beispiel 1:

Der Wind strich sacht über die Weizenfelder. Die Sonne strahlte vom Himmel herab und tauchte das Getreidefeld in einen hübschen Goldton. Marie saß auf einer Holzbank am Wegesrand. Ihr Blick lag auf Thomas, der sich langsam näherte. Sie winkte ihm. Er winkte zurück.

»Hallo Thomas!«, rief sie ihm zu.

»Hallo Marie«, antwortete er. Er setzte sich neben sie auf die Bank.

»Wie geht es dir?«, fragte Marie ihn.

»Ganz gut, und dir?«

»Kann nicht klagen. Schöner Tag heute, oder?« Marie sah ihn aus ihren moosgrünen Augen an.

»Ja. Ein richtig goldener Herbsttag.« Thomas strahlte sie an. Marie suchte den Blick seiner veilchenblauen Augen.

Was fällt dir auf, wenn du dir diesen Anfang durchliest? Genau: Es passiert nichts. Was soll das mit den Augen? Und der gesamte Dialog ist so langweilig, dass man ihn sich sparen kann. Das Interessanteste davon ist noch das Wetter. Und wenn Wind und Sonnenschein schon interessanter sind als die Geschichte, kann man sich das Lesen vermutlich sparen.

Mehr zum Thema „spannend schreiben“ liest du in diesem Blogartikel.

Buchanfang Beispiel 2:

Nafero verbeugte sich tief vor Lady Elaria Schimmerstern. Sie war nicht nur eine Ritterin des ersten Ranges, sondern auch noch die Heldin von Lypfenstaín. Denn vor 10 Jahren hatte sie dort den Wotnur Zabréko erschlagen. Im Alleingang. Ganz ohne fremde Hilfe. Damals war sie noch der Knappe von Sir Naftaro Wokustaín gewesen. Doch als er gefallen war, hatte sie sein Schwert ergriffen. Alle anderen waren geflohen, aber sie nicht. Sie tötete Wotnur Zabréko und wurde seitdem die Heldin von Lypfenstaín genannt. Nafero hoffte, eines Tages in ihre Fußstapfen treten zu können. 

Dieser Anfang startet direkt mit Handlung. Theoretisch also gut (Stichwort: in medias res). Aber danach passiert sogar noch weniger als in dem von Beispiel 1. Es gibt einen Infodump und viele, viele komplizierte Namen, von denen der Großteil für die erste Szene mit hoher Wahrscheinlichkeit unnötig ist. 

Buchanfang Beispiel 3:

10 Jahre war es jetzt her. 10 Jahre, in denen sie eine Lüge gelebt hatte. Elaria ließ die Einladung auf den Schreibtisch sinken. Und wieder wollte der König den Sieg, der nicht der ihre war, feiern. Seufzend erhob sie sich. 

»Ist etwas nicht in Ordnung? Kann ich Euch etwas bringen?«

Elaria zuckte zusammen. Sie hatte ganz vergessen, dass der Junge hier war. Nicht zum ersten Mal. 

»Geh und hol mir einen Becher Wein.« Sie machte eine wegscheuchende Handbewegung. »Und dann bring meine Rüstung in Ordnung.« Oder verschwinde dahin, wo der Pfeffer wächst, fügte sie in Gedanken hinzu. 

In diesem Beispiel stoßen wir direkt im zweiten Satz auf einen Konflikt. Elaria lebt seit 10 Jahren eine Lüge und scheint nicht besonders glücklich darüber zu sein. Wenige Sätze später vertieft sich der Konflikt, denn der König will genau diese Lüge zum 10. Mal feiern. Anhand von Elarias Reaktionen sieht man gut, was das mit ihr macht. 

Den Jungen, der vielleicht Nafero aus dem 2. Beispiel ist, nennt sie nicht beim Namen. So zeigt sie direkt, wie unwichtig er ihr ist. Außerdem müssen sich die Leser:innen nicht direkt noch einen Namen merken. Obwohl nirgends direkt steht, dass der Junge sie nervt, kann man es problemlos an ihrer Reaktion sehen. Show, don’t tell wurde hier super umgesetzt.

Checkliste: So schreibst du einen guten Buchanfang

Nachdem du dir jetzt die drei Beispiele und meine Erklärung dazu durchgelesen hast, hast du bereits einiges darüber gelernt, wie ein guter Anfang (nicht) sein sollte. Damit du alles nochmal auf einen Blick hast, hier eine Checkliste:

  • Steige so spät in die Szene ein wie möglich und starte mit Handlung (in medias res)
  • Kein Infodump
  • Beginne nicht mit dem Wetter, wenn es nicht absolut nötig ist
  • So wenige Namen wie möglich
  • Beschränke dich auf Dinge, die wirklich wichtig für die Szene und den Anfang sind
  • Nutze Show, don’t tell
  • Zeige den Konflikt (oder vielleicht sogar mehrere)
  • Stelle die Hauptfigur vor und gib den Leser:innen die Möglichkeit, sich ein Bild von ihr zu machen

Der größte Fehler beim Buchanfang schreiben

Wie du gesehen hast, gibt es viele Fehler, die man beim Schreiben des Anfangs machen kann. Höchste Zeit, dass wir endlich über den größten und gefährlichsten Fehler sprechen, den du am Anfang machen kannst: dich am Buchanfang aufhängen.

Ja, ich habe dir gerade groß und breit erklärt, wie wichtig der Anfang deiner Geschichte ist und wie viel von dieser ersten Szene abhängt. Aber deswegen sollte dich der Anfang nicht davon abhalten, dein Buch zu schreiben. Wenn du noch nicht bei der Überarbeitung angekommen bist, solltest du dich erst einmal auf das Schreiben konzentrieren. Denn oft kommen die besten Ideen beim Schreiben. Was nützt es dir schon, zu Beginn einen perfekten Anfang zu haben, den du dann während der Überarbeitung komplett umwerfen musst?

Viele Autor:innen schreiben das erste Kapitel während der Überarbeitung nochmal komplett neu. Oder streichen es komplett, weil die Handlung erst in Kapitel 2 beginnt. Und wenn du dann zufrieden mit dem Anfang bist, holst du dir erstmal Feedback von Testlesenden. Bevor du die Geschichte aber veröffentlichst, solltest du sie lektorieren lassen. Beim Lektorat wird der Anfang ein weiteres Mal geprüft, damit er am Ende auch wirklich sitzt.

Übrigens: Wenn du über einen Verlag veröffentlichst, übernimmt dieser auch das Lektorat. Damit deine Geschichte bei der Bewerbung die besten Chancen hat, kannst du vorab deine Leseprobe (und somit auch deinen Anfang) lektorieren lassen. Wie du die richtige Lektorin findest und ein Lektorat buchst, erfährst du hier.

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Fazit

Die ersten Seiten deines Buches gehören mit zu den wichtigsten. Wenn sie nicht überzeugen, wird sich dein Buch nur schwer verkaufen. Egal, ob als Selfpublisher:in an die Leser:innen oder bei der Bewerbung bei einer Agentur oder einem Verlag.

Trotzdem solltest du dich davon nicht verrückt machen lassen, sondern das Buch erstmal fertigschreiben. Denn ein perfekter Anfang bringt dir gar nichts, wenn du kein fertiges Buch dazu hast, das du verkaufen kannst. Außerdem darf die Geschichte nicht nachlassen, damit die Leser:innen auch wirklich dranbleiben. Und damit die Leser:innen auch den nächsten Band der Reihe oder dein nächstes Buch kaufen wollen, muss ihnen auch noch das Ende im Kopf bleiben.

Merke: Der Anfang verkauft ein Buch, das Ende das nächste.