Weihnachtsengel wider Willen

Eine Kurzgeschichte als Adventskalender

5. Türchen

Der Kinderpunsch dampfte und gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, dass ich ihn nicht einfach so trinken sollte. Ich war zwar relativ hitzeunempfindlich, aber es war klüger, das Henry nicht vorzuführen.
Also stellte ich die Tasse auf dem Tisch ab und sah den Kindern bei ihrer Arbeit zu. Henry nahm mir gegenüber platz.
„Schade, dass Ihr Mann nicht dabei ist. Er wäre uns beim Schmücken der Tanne sicherlich eine große Hilfe gewesen“, seufzte sie. Ich sah zu ihr und hob eine Braue.
„Weil er uns beide um mehr als einen Kopf überragt?“, fragte ich trocken. Nicht, dass er dadurch groß genug gewesen wäre, um die Spitze der mindestens vier Meter hohen Tanne zu erreichen.
„Das auch“, lachte Henry, „aber ich hatte eigentlich daran gedacht, ihn auf die Leiter rauf zu schicken. Ich habe Höhenangst, und bei den Kindern hätte ich Angst, dass etwas passiert.“
Ich seufzte. Ich wusste, dass ich das, was ich jetzt sagen würde, bereuen würde. Aber ich konnte das unmöglich auf mir sitzen lassen. Als würden wir seine Hilfe brauchen, um diese verdammte Tanne zu dekorieren.
„Ich habe keine Höhenangst. Ich kann den oberen Teil des Baums dekorieren.“

4. Türchen

Ich lachte auf, bevor ich es verhindern konnte. Henry sah mich irritiert an und ich fing mich wieder.
„Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal in einer Kirche war“, antwortete ich, um mein Gelächter irgendwie zu erklären.
„Das heißt, Sie und Ihr Mann sind überhaupt nicht kirchlich verheiratet?“, fragte sie und sah mich mit großen Augen an. Was zum Dämon hatte mich eigentlich nochmal dazu bewegt, ein Haus im katholischen Bayern zu kaufen? Vermutlich, weil es abseits gelegen war und zu dem Zeitpunkt des Kaufs so gut wie ganz Deutschland christlich gewesen war.
„Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Wir waren überhaupt nicht verheiratet. Wir waren ja noch nicht mal ein Paar! Warum musste alles so kompliziert sein?
„Na, das können Sie ja irgendwann noch nachholen“, entschied sie dann. „Wir haben Punsch gemacht, wollen Sie eine Tasse?“
„Gerne!“, rief ich. Endlich ein Lichtblick.
„Er ist aber, der Kinder wegen, alkoholfrei“, entschuldigte sie und ich nickte.
„Macht nichts“, versicherte ich ihr. Machte wirklich nichts. Alkohol hatte leider keine Wirkung auf mich. Sonst hätte ich mir den ganzen Wahnsinn hier erträglich gesoffen.

3. Türchen

Ich ließ mich auf einen der Stühle sinken. Wo war ich da nur reingeraten? Auf dem Küchentisch stand ein Kranz aus Tannenzweigen, auf den vier dicke rote Kerzen gesteckt worden waren. Ein Adventskranz. Das auch noch. Ich hörte mehr, als das ich sah, wie die Kinder mit dem Ausstechen der Plätzchen begannen. Henry trat auf mich zu.
„Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Cora?“, fragte sie besorgt und setzte sich neben mich.
Ich wog ab, ob ich ihr wirklich sagen sollte, dass ich keine Christin war und kein Weihnachten feierte. Dass es ihren Gott nicht gab und ihr Glaube auf einer Verfehlung einer meiner ehemaligen Kameraden zurückging, konnte ich ihr schließlich definitiv nicht sagen.
„Ich habe es nicht so mit der christlichen Kirche“, sagte ich also und sah sie erst jetzt an.
„Oh“, kam es von ihr und für einen Moment wirkte sie betroffen. Dann lächelte sie. „Aber das macht doch nichts. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Egal ob Sie nun jeden Sonntag in die Kirche gehen oder nicht.“

2. Türchen

Aus der Küche hörte ich, wie jemand ziemlich falsch ein Lied mit trällerte. Dreistimmig. Was bei allen Göttern war da in meiner Küche los? Ich stellte meine Tasche vorsichtig ab und überlegte kurz, ob ich nicht zumindest einen der Dolche in der Hand behalten sollte. Entschied mich jedoch dagegen. Eine der Stimmen gehörte ganz klar Henry.
Ich öffnete die Küchentür und stutzte. Henry rollte gerade einen Teig aus, während zwei Kinder auf Stühlen standen, und ihr dabei zusahen. Was hatten Kinder hier verloren?! Und alle zusammen sangen sie mit, während aus den Lautsprechern gerade In der Weihnachtsbäckerei ertönte. Meine Haushälterin hob den Kopf.
„Oh, hallo Cora! Sie sind zu früh! Die Weihnachtsplätzchen und die restlichen Vorbereitungen sind noch nicht fertig! Meine Enkel sind heute extra mitgekommen, um mir zu helfen!“
Weihnachten. Henry war also Christin. Und ich war hier mittendrin. Wohl wissend, dass es diesen angeblichen Gottessohn nie gegeben hatte. Genauso wenig wie seinen Vater.

1. Türchen

Endlich. Endlich wieder zu Hause. Ich hatte um ein wenig Urlaub gebeten. Ein paar Tage Ruhe. Ein paar Tage Entspannung. Ein paar Tage ohne Götter und deren Probleme. Mein Blick fiel auf Henrys Wagen. Jetzt musste ich mir also wieder eine Ausrede ausdenken, weshalb mein eigener Wagen die ganze Zeit in der Garage stand, während ich nicht hier gewesen war. Seufzend trat ich ein. Wohlige Wärme schlug mir entgegen. Und der Geruch nach Wald. Wieso zum Dämon roch es in meinem Haus nach Wald?!
Ich schlüpfte aus den Stiefeln und nahm die Dolche samt den Scheiden heraus, um sie in meiner Tasche verschwinden zu lassen. Am Ende kam Henry noch auf die Idee, meine Stiefel zu putzen, die es dringend nötig gehabt hätten. Die Dolche würden nur wieder Fragen aufwerfen. Und das wollte ich gerne vermeiden.
Nach wenigen Schritten blieb ich verwirrt stehen. Ich hatte den Grund für den Wald-Duft gefunden. Da stand ein Baum in meinem Haus. Warum stand da eine verdammte Tanne mitten in meinem Haus?!