Weihnachtsengel wider Willen

Eine Kurzgeschichte als Adventskalender

1. Türchen

Endlich. Endlich wieder zu Hause. Ich hatte um ein wenig Urlaub gebeten. Ein paar Tage Ruhe. Ein paar Tage Entspannung. Ein paar Tage ohne Götter und deren Probleme. Mein Blick fiel auf Henrys Wagen. Jetzt musste ich mir also wieder eine Ausrede ausdenken, weshalb mein eigener Wagen die ganze Zeit in der Garage stand, während ich nicht hier gewesen war. Seufzend trat ich ein. Wohlige Wärme schlug mir entgegen. Und der Geruch nach Wald. Wieso zum Dämon roch es in meinem Haus nach Wald?!
Ich schlüpfte aus den Stiefeln und nahm die Dolche samt den Scheiden heraus, um sie in meiner Tasche verschwinden zu lassen. Am Ende kam Henry noch auf die Idee, meine Stiefel zu putzen, die es dringend nötig gehabt hätten. Die Dolche würden nur wieder Fragen aufwerfen. Und das wollte ich gerne vermeiden.
Nach wenigen Schritten blieb ich verwirrt stehen. Ich hatte den Grund für den Wald-Duft gefunden. Da stand ein Baum in meinem Haus. Warum stand da eine verdammte Tanne mitten in meinem Haus?!

2. Türchen

Aus der Küche hörte ich, wie jemand ziemlich falsch ein Lied mit trällerte. Dreistimmig. Was bei allen Göttern war da in meiner Küche los? Ich stellte meine Tasche vorsichtig ab und überlegte kurz, ob ich nicht zumindest einen der Dolche in der Hand behalten sollte. Entschied mich jedoch dagegen. Eine der Stimmen gehörte ganz klar Henry.
Ich öffnete die Küchentür und stutzte. Henry rollte gerade einen Teig aus, während zwei Kinder auf Stühlen standen, und ihr dabei zusahen. Was hatten Kinder hier verloren?! Und alle zusammen sangen sie mit, während aus den Lautsprechern gerade In der Weihnachtsbäckerei ertönte. Meine Haushälterin hob den Kopf.
„Oh, hallo Cora! Sie sind zu früh! Die Weihnachtsplätzchen und die restlichen Vorbereitungen sind noch nicht fertig! Meine Enkel sind heute extra mitgekommen, um mir zu helfen!“
Weihnachten. Henry war also Christin. Und ich war hier mittendrin. Wohl wissend, dass es diesen angeblichen Gottessohn nie gegeben hatte. Genauso wenig wie seinen Vater.

3. Türchen

Ich ließ mich auf einen der Stühle sinken. Wo war ich da nur reingeraten? Auf dem Küchentisch stand ein Kranz aus Tannenzweigen, auf den vier dicke rote Kerzen gesteckt worden waren. Ein Adventskranz. Das auch noch. Ich hörte mehr, als das ich sah, wie die Kinder mit dem Ausstechen der Plätzchen begannen. Henry trat auf mich zu.
„Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Cora?“, fragte sie besorgt und setzte sich neben mich.
Ich wog ab, ob ich ihr wirklich sagen sollte, dass ich keine Christin war und kein Weihnachten feierte. Dass es ihren Gott nicht gab und ihr Glaube auf einer Verfehlung einer meiner ehemaligen Kameraden zurückging, konnte ich ihr schließlich definitiv nicht sagen.
„Ich habe es nicht so mit der christlichen Kirche“, sagte ich also und sah sie erst jetzt an.
„Oh“, kam es von ihr und für einen Moment wirkte sie betroffen. Dann lächelte sie. „Aber das macht doch nichts. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Egal ob Sie nun jeden Sonntag in die Kirche gehen oder nicht.“

4. Türchen

Ich lachte auf, bevor ich es verhindern konnte. Henry sah mich irritiert an und ich fing mich wieder.
„Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal in einer Kirche war“, antwortete ich, um mein Gelächter irgendwie zu erklären.
„Das heißt, Sie und Ihr Mann sind überhaupt nicht kirchlich verheiratet?“, fragte sie und sah mich mit großen Augen an. Was zum Dämon hatte mich eigentlich nochmal dazu bewegt, ein Haus im katholischen Bayern zu kaufen? Vermutlich, weil es abseits gelegen war und zu dem Zeitpunkt des Kaufs so gut wie ganz Deutschland christlich gewesen war.
„Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Wir waren überhaupt nicht verheiratet. Wir waren ja noch nicht mal ein Paar! Warum musste alles so kompliziert sein?
„Na, das können Sie ja irgendwann noch nachholen“, entschied sie dann. „Wir haben Punsch gemacht, wollen Sie eine Tasse?“
„Gerne!“, rief ich. Endlich ein Lichtblick.
„Er ist aber, der Kinder wegen, alkoholfrei“, entschuldigte sie und ich nickte.
„Macht nichts“, versicherte ich ihr. Machte wirklich nichts. Alkohol hatte leider keine Wirkung auf mich. Sonst hätte ich mir den ganzen Wahnsinn hier erträglich gesoffen.

5. Türchen

Der Kinderpunsch dampfte und gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, dass ich ihn nicht einfach so trinken sollte. Ich war zwar relativ hitzeunempfindlich, aber es war klüger, das Henry nicht vorzuführen.
Also stellte ich die Tasse auf dem Tisch ab und sah den Kindern bei ihrer Arbeit zu. Henry nahm mir gegenüber platz.
„Schade, dass Ihr Mann nicht dabei ist. Er wäre uns beim Schmücken der Tanne sicherlich eine große Hilfe gewesen“, seufzte sie. Ich sah zu ihr und hob eine Braue.
„Weil er uns beide um mehr als einen Kopf überragt?“, fragte ich trocken. Nicht, dass er dadurch groß genug gewesen wäre, um die Spitze der mindestens vier Meter hohen Tanne zu erreichen.
„Das auch“, lachte Henry, „aber ich hatte eigentlich daran gedacht, ihn auf die Leiter rauf zu schicken. Ich habe Höhenangst, und bei den Kindern hätte ich Angst, dass etwas passiert.“
Ich seufzte. Ich wusste, dass ich das, was ich jetzt sagen würde, bereuen würde. Aber ich konnte das unmöglich auf mir sitzen lassen. Als würden wir seine Hilfe brauchen, um diese verdammte Tanne zu dekorieren.
„Ich habe keine Höhenangst. Ich kann den oberen Teil des Baums dekorieren.“

6. Türchen

„Das wäre großartig!“, rief Henry fröhlich. Sie wollte noch mehr sagen, wurde jedoch von einem ihrer Enkelkinder, dem Jungen, davon abgehalten.
„Das Blech ist voll, Oma!“, quäkte er und Henry erhob sich. Ich war dankbar für die Unterbrechung und erhob ich mich ebenfalls. Weihnachten also. Früher hatte ich zur Wintersonnenwende oft meine Freunde um mich herum versammelt. Doch seit meiner Gefangennahme und der darauffolgenden Freilassung Jahrzehnte später hatte ich das nicht mehr getan.
Henry schob das Blech in den vorgeheizten Ofen und ich stand auf. Ich sollte meine Tasche wegräumen. Und vor allem die beiden Dolche und Schwerter kindersicher verräumen. Am Ende würden sie noch aus Spaß ein Fechtduell beginnen und sich tödlich verletzen. Und dann musste ich Henry erklären, warum ich echte Schwerter besaß, die noch dazu scharf waren. Und mir vermutlich eine neue Haushälterin suchen. Nichts davon klang so, als wäre es erstrebenswert. Vor allem, wenn ich an Henrys Kochkünste dachte.
Ich öffnete die Tür zum Flur und ein schwarz-weißer Schatten huschte in die Küche.
„Hallo Lucifer!“, rief ich entzückt. Der Kater hielt inne und sah mich an, als wollte er fragen, was ich hier verloren hätte.
„Ist das wirklich der Teufel?“, fragte das Mädchen, Henrys Enkelin, ehrfürchtig und ein wenig ängstlich. Ihr Bruder lugte unsicher hinter der Kochinsel hervor.
„Nein, Lucifer ist einfach nur eine Katze“, versicherte meine Haushälterin ihr. „Er hat mit dem Teufel Lucifer sicherlich nichts zu tun.“
Ich hätte natürlich den Mund halten können. Schließlich gab es weder den Teufel noch Lucifer. Wie gesagt: Ich hätte.
„Bevor Lucifer zum Teufel wurde, war er ein Engel“, begann ich also und bereute es sofort. Was tat ich da eigentlich? Doch es war zu spät, um jetzt die Küche zu verlassen. Die beiden Kinder starrten mich mit großen Augen an.
„Wie, ein Engel?“, fragte der Junge.
Es wäre besser gewesen, ihnen zu erklären, dass es Engel, wie sie sie aus ihrem Glauben kannten, nicht gab. Eine Erfindung, an der wir Krojak nicht ganz unschuldig waren. Im Grunde waren sie eine schlechte Kopie von uns, die sich das Christentum angeeignet hatte. Aber gut.
„Lucifer war ein Engel, der sich gegen Gott“, beinahe hätte ich von der Mehrzahl gesprochen, „aufgelehnt hat. Er rebellierte und Gott verbannte ihn aus seinem Reich.“ Ich stockte, als mir bewusst war, dass diese Geschichte meiner eigenen nicht ganz unähnlich war. „Dass er mit dem Teufel gleichgestellt ist, hat man erst im Mittelalter entschieden. Genau genommen war er einfach nur ein gefallener Engel.“
Die Kinder sahen mich mit großen Augen an und ich wandte mich ab, bevor sie weitere Fragen stellen konnten. Nein. Ich war kein gefallener Engel. Ich war eine Krojak. Und sollte nicht über so einen Blödsinn nachdenken.
Kaum aus der Küche getreten, fiel mein Blick wieder auf die monströse Tanne. Wie zum Dämon hatte Henry sie hier überhaupt reinbekommen?

7. Türchen

Nachdem ich meine Tasche ins Schlafzimmer gebracht und die Waffen in den Schrank geräumt hatte, lief ich die Treppe wieder nach unten. Aus dem Tannenbaum heraus erklangen seltsame Geräusche und ich entdeckte Lilith, meine grau-schwarz-getigerte Katze, die darin ihr Unwesen trieb. Als sie mich bemerkte, kletterte sie geschickt nach unten und folgte mir in die Küche.
„Wie süß!“, rief das Mädchen. Vielleicht sollte ich Henry nach den Namen der beiden Kinder fragen.
„Sie heißt Lilith“, erklärte ich. „Benannt nach Lucifers Frau.“ Wenn wir schon mit der Geschichte angefangen hatten, dann konnte ich sie auch direkt noch vervollständigen.
„Darf ich sie streicheln?“, fragte das Mädchen höflich.
„Wenn sie dich lässt, gerne“, antwortete ich.
Vor Freude kichernd hüpfte das Mädchen von dem Stuhl und trat langsam und vorsichtig auf die beiden Katzen zu, die gerade Schulter an Schulter aus dem großen Napf fraßen. Kaum hatte sie Lilith berührt, sauste die Katze unter den Tisch. Lucifer hingegen schien sich an den Streicheleinheiten nicht zu stören, sondern fraß einfach weiter. Lilith war schon immer die Vorsichtigere und Schüchternere von den beiden gewesen. Es wunderte mich also nicht, dass sie sich auf meinen Schoß rettete. Dass sie dann jedoch weiter hinauf kletterte und sich nicht entscheiden konnte, auf welcher meiner Schultern sie sitzen wollte, nervte langsam aber sicher. Immerhin besaß sie die Höflichkeit mir ins Ohr zu schnurren.

8. Türchen

Mittlerweile war mein Punsch genug abgekühlt, um ihn zu trinken. Obwohl er bereits süß gerochen hatte, hatte ich nicht damit gerechnet, dass er dermaßen süß schmecken würde. Ich riss mich zusammen, um das Gesicht nicht zu verziehen.
„Wasch dir die Hände, Elisa. Du hast schließlich eine Katze angefasst. Und dann hilfst du Emil weiter beim Ausstechen“, kommandierte Henry.
Diesen Ton kannte ich von Henry noch überhaupt nicht. Andererseits war ich ihre Arbeitgeberin. Natürlich redete sie mit mir nicht auf diese Art und Weise. Wenigstens kannte ich jetzt die Namen der beiden Kinder.
„Ach, Cora, mir ist aufgefallen, dass im Kühlschrank nach Wochen noch immer die gleiche Flasche Wein steht. Darf ich sie für einen Kuchen benutzen?“, fragte Henry wieder mit ihrem gewohnten freundlichen Ton.
„Wein?“ Ich sah sie verwirrt an. Dann stand ich auf und öffnete den Kühlschrank. Es wäre mir neu, dass ich eine offene Flasche Wein im Kühlschrank hätte stehen lassen. Ich trank auf der Erde immerhin kaum Wein. Erst als ich die Weinflasche sah, begriff ich, was sie gemeint hatte. Den Göttern sei Dank hatte sie den Inhalt nicht einfach zum Kochen verwendet.
„Nein, ich trink ihn noch. Ist ein ziemlich teurer Tropfen. Zum Backen ist der zu schade“, behauptete ich. Ich konnte ihr ja schlecht sagen, dass das darin kein Wein, sondern Blut war.

9. Türchen

„Sag mal, Henry, wie hast du eigentlich die Tanne in mein Haus bekommen?“, fragte ich, während die Kinder wieder mit Eifer an die Arbeit gingen. „Und wo hast du sie überhaupt her?“
„Ich habe mit Lars gesprochen. Der meinte, er würde mir ein Weihnachtsdekorationsbudget von 1.000 Euro zur Verfügung stellen, solange er damit keine Arbeit hat“, erklärte sie. „Also bin ich zu meinem Nachbarn gegangen. Der hat einen großen Wald. Ich hab ihn gefragt, ob er mir eine große Nordmanntanne verkaufen, hierher liefern und direkt aufstellen kann. Und weil wir Nachbarn sind, hat er das für 50 € und einen Kasten Bier gerne gemacht.“ 1.000 Euro für Dekoration. Für ein Fest, dass ich nicht mal feierte. War Laserian von allen guten Geistern verlassen worden?! Ich kämpfte mit meiner Selbstbeherrschung. Wenn ich jetzt anfangen würde zu knurren, würde das nur Probleme nach sich ziehen. Und davon hatte ich auch ohne christliches Fest bereits genug.
„Ich habe nicht ansatzweise alles davon ausgegeben“, versicherte mir Henry nun. Scheinbar sah man mir meine schlechte Laune an.
„Schon gut“, sagte ich so beherrscht, wie ich konnte. „Lars hat es sicherlich nur gut gemeint.“ Um ehrlich zu sein, bezweifelte ich das sehr.

10. Türchen

Während die Kinder zusammen mit Henry das nächste Blech in den Ofen schoben, verließ ich die Küche und zückte mein Handy. Es dauerte auch nicht lange, bis Laserian abhob.
„Coralldina!“, rief er erfreut. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du dieses Jahr nochmal nach Hause kommst.“
„Hey, Lars“, sprach ich ihn vorsichtshalber mit seinem selbstgewählten Spitznamen an, „wie kommt es, dass du Henriett 1.000 Euro für Weihnachtsdekoration zur Verfügung gestellt hast?“ Es war nicht so, dass das für mich viel Geld war. Ich kannte mich mit meinen Finanzen nicht sonderlich gut aus, doch ich wusste, dass diese Summe aus der Sicht meiner Konten lediglich Peanuts entsprach.
„Ach, sie hat ständig angerufen, ob sie dieses und jenes besorgen dürfte. Irgendwann habe ich ihr gesagt, solange die Deko für Weihnachten unter 1.000 Euro bleibt, kann sie kaufen, was sie will“, erklärte er.
„Für ein Fest, dass ich nicht mal feiere“, knurrte ich.
„Ich dachte, der Kram wäre längst verräumt, bis du wieder kommst! Woher hätte ich ahnen sollen, dass du zu dieser Jahreszeit heimkommst?“, verteidigte er sich und ich seufzte. Ich wollte nicht mit ihm streiten. Sollte ich auch nicht.
„Ist jetzt eh egal. Zu Ostern gibst du ihr nur einen Fünfziger, klar?“

11. Türchen

Obwohl ich überlegte, mich einfach in mein Schlafzimmer zurückzuziehen, ging ich zurück in die Küche. Mir war es lieber, ich würde mitbekommen, was Henry und ihre Enkel in meinem Haus veranstalteten.
„Wollen Sie eines probieren, Frau Raabe?“, fragte das Mädchen, Elisa, freundlich und hielt mir eine Metalldose hin, in der die duftenden Kekse lagen.
„Gerne.“ Ich verzog das Gesicht ein wenig, als ich erkannte, dass sie Engel in verschiedenen Größen ausgestochen hatten. Trotzdem nahm ich mir einen und probierte. „Sehr gut“, versicherte ich ihr, als ich ihren abwartenden Blick bemerkte.
„Wir haben Engel ausgestochen, wie der auf dem Bild im Flur“, erklärte sie mir. Ich lächelte angestrengt. Ich hatte mir fest vorgenommen gehabt, es abzuhängen.
„Schön“, antwortete ich dem Mädchen und versuchte, nicht so gequält zu klingen, wie ich mich gerade fühlte. Wer hatte dieses Gemälde von mir nach dem Umbau überhaupt hier runtergehängt?!
„Sie sehen aus wie der Engel auf dem Bild“, stellte jetzt der Junge, Emil, fest. „Haben Sie auch Flügel?“
„Das auf dem Gemälde ist künstlerische Freiheit. Es zeigt auch gar nicht Frau Raabe, sondern ihre Ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter“, erklärte Henry und ich atmete erleichtert auf. Es wunderte mich zwar, dass sie sich das so genau hatte merken können, aber ich war froh darüber. Denn ich hätte beim besten Willen nicht mehr sagen können, welche Geschichte ich ihr zu dem Porträt von mir damals aufgetischt hatte.

12. Türchen

Nachdenklich betrachtete ich die Staffelei. Selbst wenn ich ganz oben stehen würde, wäre ich immer noch zu klein, um die Spitze der verdammten Tanne zu schmücken.
„Zuerst muss die Lichterkette dran“, erklärte mir Emil und hielt mir einen Karton entgegen. Zu viert wickelten wir sie ab, wobei die Kinder sie dabei wieder eher verwirrten.
„Steigen Sie auf die Leiter, Cora?“, bat mich Henry und ich seufzte.
„Das wird nicht reichen“, erklärte ich ihr, doch sie schien nicht zu begreifen, was ich meinte. Also kletterte ich auf die Staffelei, um es ihr zu demonstrieren.
„Oh“, sagte sie leise. „Wenn Ihr Mann da wäre-“
„Wäre er genauso zu klein. Wie hoch ist das verdammte Ding? Fünf Meter?“ Ich liebte die hohen Decken des Hauses. Vor allem in dem als von Elisa betitelten Flur. Der Eingangshalle. Darin befand sich zentral eine breite Treppe, die auf die Galerie in den zweiten Stock hinauf führte. Hätten die Aufsteller des Baums mitgedacht, hätten sie ihn näher an die Treppe oder zumindest an die Galerie gerückt. Dann hätte man ihn zumindest von oben aus schmücken können. Doch scheinbar hatten sie den Kasten Bier bereits vor dem Aufstellen geleert. Ich seufzte. Emil begann zu quengeln, dass er nun unbedingt schmücken wollte und seine Oma es ihm doch versprochen hätte. Besagte schien es langsam doch zu bereuen, ihre Enkel mitgebracht zu haben.
„Draußen müssen wir auch noch die Lichterketten dran machen“, jammerte Elisa. „Und es wird schon bald dunkel!“
„Dann fangt doch schonmal draußen an“, murrte ich. Die Kinder sahen sich an und stürmten zur Garderobe. Henry seufzte.
„Wir kriegen das schon noch hin“, versicherte sie mir, dann folgte sie ihren Enkeln nach draußen.

13. Türchen

Ich hätte jetzt einfach die Tür abschließen können. Dann hätte ich meine Ruhe gehabt. Stattdessen stand ich noch immer vor dem Baum. Das eine Ende der Lichterkette in der Hand. Ja, der Raum war groß. Aber so groß, dass ich meine Flügel ausbreiten und den Baum umrunden konnte? Mehrfach? Vermutlich eher weniger. Die sicherste Methode wäre wohl gewesen, den Küchentisch hierher zu tragen und darauf dann die Staffelei zu stellen. Doch dafür hätte ich mir die Arbeit machen müssen, den besagten Tisch herzuholen. Ich entschied mich also lieber für die halsbrecherische Methode.
Ich stieg die Treppe hinauf und kletterte oben auf der Galerie über das Geländer. Eine Hand ließ ich am Geländer, die beiden Füße am Absatz. Dann beugte ich mich so weit nach vorne, bis mein kompletter Arm ausgestreckt war. Tatsächlich erreichte ich jetzt den Baum. Wenn auch nur mit den Fingerspitzen. Ich fluchte vor mich hin, während ich mich nochmal zurück ans Geländer zog. Ich konnte nur hoffen, dass weder Henry noch die Kinder jetzt hereinkamen. Ich breitete meine roten Schwingen aus. Mit dem Dorn an der Oberseite hakte ich mich in dem Geländer ein. Wenn ich mich jetzt streckte, hatte ich nicht nur beide Hände frei, ich kam auch noch problemlos an den Baum. Trotzdem blieb es eine fummelige Arbeit, bis ich die Lichterkette oft genug um den Baum herumgewirbelt hatte und sie endlich von unten erreichbar war. Zumindest mit der Leiter.

14. Türchen

Ich betrachtete nochmal von oben mein Werk, dann zog ich mich zurück ans Geländer. Dabei entdeckte ich Lilith und Lucifer, die mir scheinbar interessiert bei meiner Arbeit zugesehen hatten. Prüfend warf ich einen Blick nach unten. Ich hätte jetzt über das Geländer zurück auf die Galerie klettern und dann die Treppe hinuntersteigen können. Stattdessen sprang ich und fing mich mit einem sanften Flügelschlag rechtzeitig ab. Noch während ich mich im Fall befand, hörte ich, wie die Haustüre ins Schloss fiel. Auf Henry und die Kinder hatte ich nicht mehr geachtet. Verdammt!
Ich zog meine Flügel zurück. Emil bog mit glänzenden Augen um den Baum und starrte mich an. Ich hatte gehofft, ich wäre schnell genug gewesen. Sein Blick sagte etwas anderes.
Er trat langsam und mit großen Augen auf mich zu. „Arbeiten Sie für das Christkind?“, fragte er. „Sind sie ein Engel?“
„Beides nein. Und ich darf darüber auch nicht reden“, antwortete ich. Diesmal achtete ich wieder mehr auf die Umgebungsgeräusche, weswegen ich genau hörte, als Henry mit Emilia eintrat.
„Wow!“, rief Henry freudig aus. „Wie haben Sie das nur hinbekommen, Cora?“
„Sie hat ihre Flügel ausgebreitet und ist ganz oft drum herumgeflogen!“, erklärte Emil sofort. Ich begann darüber nachzudenken, wie ich diesen verdammten vorlauten Bengel loswerden konnte, ohne dabei meine Haushälterin zu verlieren.

15. Türchen

Henry und Elisa prusteten laut los vor Lachen und ich atmete erleichtert aus.
„Das ist doch nur ein Bild!“, kicherte Elisa und Emil wurde rot im Gesicht.
„Aber ich habe ihre Flügel doch gesehen!“, beharrte er. „Und sie sehen gar nicht so aus, wie auf dem Bild. Eigentlich-“
Emil sprach noch weiter, aber ich hörte nicht mehr zu. Ich hatte gerade eben unverschämt viel Glück gehabt. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Henry die Flügel gesehen hätte. Ich musste unbedingt wieder vorsichtiger sein. Ich war hier auf der Erde. Nicht im Götterreich. Wenn Menschen herausfanden, was ich war, würde sich meine Geschichte wiederholen. Meine Tragödie.
„Dann holen wir mal den restlichen Baumschmuck. Kommt Kinder! Cora, können Sie den Rest der Lichterkette noch anbringen?“ Henry riss mich aus meinen Gedanken.
„Mach ich“, antwortete ich und positionierte die Leiter entsprechend. Dann entschied ich mich allerdings doch dafür, einfach mehrfach, mit dem Kabel, um den Baum herumzulaufen. Weiter oben hatte ich die einzelnen Lichter schließlich auch nicht extra an die einzelnen Äste geklemmt. Ich sah mich schon in zwei Wochen diese dumme Lichterkette wieder fluchend vom Baum fummeln. Am besten wäre es wohl, wenn ich dann nicht mehr hier wäre. Sondern wieder im Götterreich. Lieber die Probleme der Götter als dieses Problem.

16. Türchen

Hatte ich die Lichterkette bereits nervig gefunden, musste ich nun feststellen, dass sie harmlos gegen den restlichen Christbaumschmuck gewesen war. Wer war auf die Idee gekommen, diese kleinen, fummeligen Haken für zerbrechliche Kugeln zu nutzen? Die Strohsterne hingen an derart dünnen Fädchen, dass ich es mehrfach schaffte, sie beim Auseinanderfriemeln abzureißen. Ich hatte einfach nicht die Geduld für diese Arbeit. Von Lust ganz zu schweigen. Vermutlich wünschte man sich nur besinnliche Weihnachten, weil man für diesen Dekokram wirklich ruhig und gelassen sein musste.
„Wie wäre es, wenn Sie auf die Leiter steigen und ich Ihnen den Schmuck nach oben reiche?“, schlug Henry vor, während ich mit einem weiteren Stern kämpfte.
Wie wäre es, wenn ich einfach dahingehen würde, wo ich hergekommen war und sie mit dem verdammten Weihnachtsblödsinn alleine lassen würde?
Genervt kletterte ich auf die Leiter. Wenn Henry da hochstieg und sich etwas brach, würde ich einen Ersatz für sie brauchen. Eine Haushälterin, die so freundlich, arbeitswillig und gut zu meinen Katzen war, würde ich kaum wiederfinden. Und schon gar keine, die derart gut vegan kochen konnte.
Nach und nach füllte sich der Baum. Zumindest in der unteren Hälfte. Zwischenzeitlich ertönte immer wieder das Klirren einer Glaskugel, die auf dem Boden landete und zerbrach. Wieder einmal klirrte es.
„Die ist heil geblieben!“, rief Elisa. Ich warf einen Blick nach unten und sah, wie die beiden Katzen die Jagd auf die rote Kugel eröffnet hatten. Wieder klirrte es.
„Ich korrigiere: Sie war heil, bis Lucifer sie gegen die Wand geschossen hatte“, seufzte Henry.

17. Türchen

Noch immer stand kistenweise Weihnachtsdeko herum. Aber zumindest war die untere Hälfte des Baums jetzt reichlich geschmückt. Während Henry, Elisa und Emil das alles bestaunten, fragte ich mich, wie Henry das alles wieder abhängen würde. Denn ich würde definitiv an diesem Tag nicht da sein. Ich war schließlich nicht wahnsinnig.
„Aber wie machen wir das jetzt weiter oben?“, fragte Elisa und klang dabei ein wenig verzweifelt. Fast so, als würde dieser unfertige Baum bei ihr Zuhause stehen.
„Können Sie hochfliegen und die Kugeln genauso hinhängen wie vorher die Lichterkette?“, fragte Emil und ich seufzte.
„Emil, lass das!“, schimpfte Henry mit ihm. Dann wandte sie sich ebenfalls an mich. „Wie haben Sie denn die Lichterkette da oben hochbekommen? Können wir die Kugeln, auf die gleiche Art aufhängen?“
Ich starrte sie an. Nach einer kurzen Schrecksekunde schüttelte ich den Kopf.
„Ich bin über das Geländer der Galerie geklettert, habe mich daran festgehalten und mich so weit nach vorne gebeugt, wie es ging. Ich bezweifle, dass ich aus der Position auch noch Kugeln oder gar Strohsterne aufhängen kann“, erklärte ich. Es war angenehm, zur Abwechslung mal mit jemanden zu sprechen, der eine Lüge nicht grundsätzlich erkannte, egal wie gut ich sie verpackte. Jemand wie Loki hätte sicherlich noch einmal nachgehakt.
Sprachlos starrte meine Haushälterin mich an. Ihr Blick wanderte kurz zur Galerie hoch, dann wieder zu mir. Auch Elisa sah mich mit einer Mischung aus Unglaube und Fassungslosigkeit an.
„Oma, sie hat doch Flügel!“, erinnerte Emil sie lautstark.
Bei den Göttern, würde jetzt ein Dämon auftauchen, würde ich ihm den Jungen einfach entgegen schubsen!

18. Türchen

Leider tat mir kein Dämon diesen Gefallen. Ich ignorierte Emil also und griff zurück auf meinen vorherigen Plan. „Wir könnten den Küchentisch zum Baum tragen und darauf die Leiter stellen“, schlug ich vor.
„Und wenn die Leiter wegrutscht?“ Henry schüttelte den Kopf.
„Die Kinder können sie doch festhalten“, meinte ich achselzuckend. „Oder wir machen für heute einfach Schluss.“ Letzteres würde ich mehr als bevorzugen.
„Wir können nicht gehen, solange der Baum noch nicht fertig ist!“, widersprach Elisa sofort und wanderte damit ebenfalls auf die Liste der Kinder, die ich vor einen Dämon schubsen würde. Oder vor ein Auto. Doch beides würde sich vermutlich nicht hierher verirren. Für Autos lag das Haus zu weit abseits. Und Dämonen hatten angefangen, es zu meiden. Sie wussten mittlerweile, dass sie sich hier nichts anderes als den Tod holen würden.
„Ich glaube, Cora hat recht. Es wird langsam spät und ihr beide müsst nach Hause. Und morgen organisiere ich einfach eine größere Leiter.“ Henry nickte noch einmal zur Bekräftigung, dann schickte sie ihre Enkel zum Anziehen. Doch bevor sie ihnen folgte, fegte sie die noch immer am Boden liegenden Scherben zusammen.
Ich brachte sie zur Tür, winkte noch freundlich und verzog mich dann in die Küche. Ich füllte mir den Rest des Kinderpunschs in eine Tasse und nahm mir dann die Weinflasche aus dem Kühlschrank. Ich füllte die noch halbleere Tasse bis oben mit dem Blut auf und stellte sie dann zurück. Es würde vermutlich nicht ausreichen, um mich komplett abzuschießen. Aber es würde mir den Weihnachtswahnsinn erträglicher machen.

19. Türchen

Es war nicht bei der halben Tasse Blut geblieben. Vermutlich erwachte ich auch deswegen nicht in meinem Bett, sondern in einem meiner Ohrensessel. Wobei meine Beine über eine der Armlehnen hingen und ich den Hinterkopf an eines der Sesselohren gelehnt hatte. Ich rieb mir die Augen, gähnte und streckte mich. Dann machte ich mich auf den Weg vom Wohnzimmer ins Bad. Dabei kam ich direkt an der Tanne vorbei und schimpfte vor mich hin, als ich barfuß in eine Scherbe trat. Scheinbar hatte Henry nicht alle von ihnen erwischt.
Erst, als ich wieder aus dem Bad heraus kam, bemerkte ich, dass die Lichterkette brannte. Hatte ich die gestern noch eingesteckt? Mein Blick wanderte den Baum hinauf. Mein Mund blieb dabei offen stehen. Ich wusste, dass ich unter dem Einfluss von Dämonenblut manchmal richtig seltsame Dinge tat, aber den Baum fertig schmücken? Wie hatte ich das überhaupt hinbekommen? War ich geflogen? Bei meiner Spannweite unwahrscheinlich.
Und welche Geschichte sollte ich Henry erzählen? Dass ich kleines Ding den Küchentisch alleine hierher und wieder zurück in die Küche geschleppt hatte? Dass ich die Katzen dazu dressiert hatte? Ich schüttelte den Kopf. Vermutlich wäre es besser, wenn ich einfach nicht hier war, wenn sie kam.
Die Erkenntnis kam zu spät. Noch bevor ich Zeit gehabt hatte, zu verschwinden, konnte ich hören, wie der Schlüssel im Schlüsselloch der Haustüre gedreht wurde. Kurz dachte ich darüber nach, einfach aus dem Fenster zu flüchten. Doch zu meinem Entsetzen hatte es begonnen zu schneien. Eingesperrt im Weihnachts-Horror-Haus. Ich hätte meinen Urlaub wirklich nicht besser legen können.

20. Türchen

„Guten Morgen, Cora!“, flötete Henry gut gelaunt. Sie lächelte mich an. Dann änderte sich ihre Mimik zu Staunen und Unglaube. „Wie haben Sie das geschafft?“
„Was geschafft?“, fragte ich unschuldig, um Zeit zu schinden. Wieso konnte ich nicht einfach mal Glück haben? Wieso war der verdammte Zufall immer gegen mich? Ich wusste genau, dass es sowas wie Zufall nicht gab. Es war Schicksal gewesen, dass alles so ablief. Schade, dass ich nicht wusste, bei welchem der Schicksalsgötter ich mich dafür bedanken konnte. Oder vielleicht auch besser so. Mein Dank würde sicherlich nur Ärger mit sich bringen.
„Na den Baum fertig geschmückt!“ Henry deutete auf obere Hälfte der Tanne.
„Ich habe meine Flügel ausgebreitet und bin hochgeflogen“, sagte ich todernst. Dann grinste ich. „Betrachte es einfach als Wunder.“ Ich konnte nur hoffen, dass Henry ihrem Enkel wirklich keinen Glauben schenkte.
Sie sah mich einen Moment verwirrt an, dann lachte sie. „Ein Weihnachtswunder!“, rief sie. „Und Sie sind der Weihnachtsengel!“
Es kostete mich verdammt viel Anstrengung, jetzt ruhig zu bleiben. Weihnachtsengel. Es gab nur einen einzigen da draußen, der mich als Engel bezeichnete. Oder besser gesagt, als Engelchen. Und dem konnte ich es schlecht verbieten. Ich konnte nur hoffen, dass er das Wort Weihnachtsengel nie hören würde. Ansonsten konnte ich mich auf einen neuen Spitznamen einstellen, der mir absolut nicht gefallen würde.
„Die restliche Deko schaffe ich allein. Sie dürfen aber natürlich trotzdem helfen, wenn sie wollen“, erklärte Henry und öffnete die nächste Dekokiste. Ich starrte sie an. Noch mehr Deko?!

21. Türchen

Tagelang hatte es geschneit. Entsprechend hatte ich das Haus nicht verlassen können. Stattdessen hatte ich mich an die Weihnachtslieder gewöhnt, die im Radio liefen. Ich hatte mich sogar dabei erwischt, wie ich ab und an mitgesungen hatte. Den Großteil meiner Zeit hatte ich auf der Couch verbracht. Den Controller meiner Konsole in der Hand. Henry hatte sich ebenfalls Urlaub genommen. Auch wenn das bedeutete, dass ich seit ein paar Tagen mehr oder weniger für mich selbst kochte, kam wenigstens keine Deko mehr dazu. Dafür musste ich jetzt von Fertiggerichten leben. Denn kochen hatte ich noch immer nicht gelernt. Zweimal hatte ich es versucht, seit Henry mich allein gelassen hatte. Zweimal war es ungenießbar gewesen.
Aber wenigstens war heute endlich der 24. Dezember. Weihnachten war damit so gut wie vorbei. Und in ein paar Tagen würde ich auch bereits wieder ins Götterreich zurückkehren. Nachdem Wahnsinn hier freute ich mich bereits darauf. Außerdem zog es meine Seele heimwärts.
Ich zwang mich dazu, das Haus zu verlassen. Zumindest einmal. Und zwar jetzt, wo das Schneegestöber ein Ende gefunden hatte. Ich sank bei jedem Schritt einige Zentimeter ein. Doch das störte mich nur wenig. Den letzten Winter hatte ich schließlich in Asgard verbracht. Das hier war nichts dagegen!
Ich stapfte durch den Schnee und ignorierte die Kugeln und Lichter, die an den Bäumen und Sträuchern rund um meine deutsche Residenz angebracht worden waren. Ich verlor mich lieber in dem Anblick von mit Frost bedeckten Hagebutten, von den Spuren von Tieren im Schnee und einer kleinen Kohlmeise, die Körner vom Boden aufpickte. Sie beäugte mich immer wieder misstrauisch. Um sie beim Auffüllen des Futterhäuschens nicht aufzuschrecken, sang ich leise für sie. Und die kleine Meise blieb derart ruhig, dass ich sie hochheben und in das Häuschen setzen konnte. Darin war sie vor den Katzen sicher.

22. Türchen

Mein heilig Abend bestand daraus, eine Gemüsepfanne aus dem Tiefkühlfach zuzubereiten und anschließend wieder vor der Konsole im Wohnzimmer zu landen. Ich hörte das Läuten der Glocke aus dem Nachbarort bis zu mir. Ich sah sie direkt vor mir, die Menschlein, die dicht an dicht in der Kirche saßen und zu einem Gott beteten, den es in Wahrheit gar nicht gab. Es wäre beinahe amüsant gewesen, wenn es nicht so traurig gewesen wäre.
Ich kämpfte mich durch einen virtuellen Dungeon nach dem nächsten. Ich sagte mir zwar immer wieder, dass der Aktuelle nun der Letzte sein würde, hielt mich aber nicht daran. Erst, als ich einmal eingenickt war und dabei beinahe den Spielcharakter in den Tod gestürzt hätte, speicherte ich und schaltete das Gerät ab.
Ich trottete in den zweiten Stock. Lucifer und Lilith folgten mir. Es kam selten vor, dass die beiden bei mir im Bett schliefen. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte. Vorsichtshalber ließ ich die Schlafzimmertür offen. Dann konnten sie raus, ohne Lärm zu machen oder mich gar aufwecken zu müssen.
Trotzdem wurde ich mitten in der Nacht von einem Geräusch geweckt. Etwas verwirrt blinzelte ich in die Dunkelheit. Eine der Katzen lag zu meinen Füßen, die andere neben mir auf dem Kopfkissen. Woher war dann das Geräusch gekommen?
Ich zuckte mit den Achseln. Vermutlich hatte ich es mir eingebildet. Ich ließ mich zurück auf mein Kissen sinken und schloss die Augen. Dann hörte ich die Haustüre ins Schloss fallen.

23. Türchen

Ich sprang erschrocken, aber so gut wie lautlos, aus dem Bett. Ich hatte mir das Geräusch nicht eingebildet. Jemand war in meinem Haus!
Für einen absurden Moment kam mir der Gedanke, Henry wäre hier gewesen, um mir vielleicht etwas unter den Baum zu legen. Um mich ihrem nichtexistenten Gott näherzubringen. Doch wäre sie dermaßen verrückt, mitten in der Nacht hier aufzutauchen? Wohl kaum.
Ich spielte mit dem Gedanken, meine Rüstung anzuziehen. Andererseits bildeten meine Flügel eine natürliche Rüstung. Lediglich gegen Dämonen waren sie ziemlich nutzlos. Ich konnte aber weder die Aura eines Dämons fühlen, noch kitzelte mich ihr Geruch in der Nase. Es würde sich also vermutlich einfach nur um einen gewöhnlichen Dieb handeln. Trotzdem nahm ich beide Dolche aus den Schubladen. Ein Glück, dass ich meine Klingen im Schlafzimmer deponiert hatte. Trotzdem ließ ich die Schwerter hier. Das wäre übertrieben.
Ich machte kein Licht an und schlüpfte im Nachthemd durch die offene Tür. Ich hatte mich bereits so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie für mich kein Hindernis mehr darstellte. Langsam schlich ich die Treppe hinunter. Wer auch immer hier war, war nicht mehr in der Eingangshalle. Hatte ich ihn vielleicht erst gehört, als er bereits wieder auf dem Weg nach draußen gewesen war? Mein Gehör war gut, aber vielleicht hatte ich heute besonders tief geschlafen? Ich näherte mich der Haustüre. Im Schnee würde eine Verfolgung der Spuren nicht schwer sein.
Da vernahm ich ein Geräusch aus der Küche. Also änderte ich meinen Plan und huschte leise zur Küchentür. Licht drang durch den Türschlitz. Langsam drückte ich die Türklinke hinunter. Dann stieß ich sie mit dem Fuß ruckartig auf, die Dolche in der Hand.

24. Türchen

Die Tür stieß gegen etwas und im nächsten Moment ertönte ein lauter Schmerzensschrei, der mir die Nackenhaare aufstellte. Ich stürmte in die Küche und hielt erstaunt inne. Rechts von mir und somit hinter der Tür fluchte jemand laut. Zwei weitere nächtliche Besucher starrten mich an. Die eine erschrocken und panisch, der andere verwirrt und enttäuscht.
„Jetzt hast du uns die Überraschung verdorben!“, schimpfte der hinter der Tür. Ich drehte mich zu ihm um.
„Überraschung? Was zum Dämon tut ihr hier?“ Ich hob eine Braue.
Ich sah, wie die Unterlippe der Blondine zu zucken begann. Ich kannte dieses Goldlöckchen lang genug, um zu wissen, dass sie gleich wieder sinnlos in Tränen ausbrechen würde. Ich verdrehte die Augen. Dabei streifte mein Blick die Wanduhr. Es war kurz vor 5 Uhr morgens.
„Bitte sei nicht böse!“, schluchzte besagtes Goldlöckchen und ich seufzte.
„Ich bin nicht böse, Andvina“, versicherte ich ihr und versuchte, dabei weniger genervt zu klingen, als ich war. Damit sie sich zumindest nicht mehr bedroht fühlen musste, senkte ich meine Hände und legte die beiden Dolche auf den Küchentisch.
„Wo du schon mal passend zur Wintersonnenwende hier bist, wollten wir dich mit einer Feier überraschen. So wie früher“, erklärte Laserian. „Es war Roxurius‘ Idee“, fügte er hinzu, als mein Blick ihn streifte. Ich atmete einmal tief ein und wieder aus, um meine angespannten Gesichtszüge zu lockern. Dann lächelte ich. Die Idee der Dreien war nett. Eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen.
„Na dann danke, Roxurius, für die Idee.“ Ich konnte Laserian ansehen, dass er mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte. Auch Andvinas Schluchzen verebbte. Was für eine Wohltat.
„Dekoriert ist ja bereits alles. Was gibt es sonst noch zu tun? Wie viele haben zugesagt?“, fragte ich wie selbstverständlich. Ich labte mich ein wenig an ihren unsicheren und verwirrten Blicken. Letztes Jahr hätte ich sie für eine solche Aktion vermutlich lebendig gegrillt. Doch mein Leben hatte sich drastisch geändert. Und ich mich zumindest ein wenig.
Roxurius fasste sich als Erster wieder. Er grinste. „Alle haben zugesagt. Und wir sind schon mal hier, weil wir mit den Essensvorbereitungen anfangen wollten. Aber da wir unser Essen gerne weder angebrannt noch versalzen genießen wollen, wirst du uns keine große Hilfe sein.“ Er stupste mich mit dem Zeigefinger auf die Nase und ich streckte ihm die Zunge raus. Im Augenwinkel sah ich, wie Laserian aufgrund unserer Albernheit den Kopf schüttelte. Es wunderte mich, dass die beiden es hinbekommen hatten, zusammenzuarbeiten.
„Du bist also nicht sauer?“, fragte Andvina noch immer unsicher. Wäre Goldlöckchen nicht so nervig, wäre sie vielleicht sogar süß.
„Bin ich nicht, wirklich. Und jetzt lasst euch erstmal ordentlich begrüßen!“ Damit fiel ich ausnahmsweise zuerst Andvina um den Hals. Sie reagierte erst überrascht, bevor sie die Umarmung dann doch erwiderte.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie leise und ich beschloss, mich darüber nicht aufzuregen. Was kümmerte mich schon dieser Weihnachtswahnsinn, wenn ich dafür endlich mal wieder alle meine Freunde um mich haben würde?