„Das wäre großartig!“, rief Henry fröhlich. Sie wollte noch mehr sagen, wurde jedoch von einem ihrer Enkelkinder, dem Jungen, davon abgehalten.
„Das Blech ist voll, Oma!“, quäkte er und Henry erhob sich. Ich war dankbar für die Unterbrechung und erhob ich mich ebenfalls. Weihnachten also. Früher hatte ich zur Wintersonnenwende oft meine Freunde um mich herum versammelt. Doch seit meiner Gefangennahme und der darauffolgenden Freilassung Jahrzehnte später hatte ich das nicht mehr getan.
Henry schob das Blech in den vorgeheizten Ofen und ich stand auf. Ich sollte meine Tasche wegräumen. Und vor allem die beiden Dolche und Schwerter kindersicher verräumen. Am Ende würden sie noch aus Spaß ein Fechtduell beginnen und sich tödlich verletzen. Und dann musste ich Henry erklären, warum ich echte Schwerter besaß, die noch dazu scharf waren. Und mir vermutlich eine neue Haushälterin suchen. Nichts davon klang so, als wäre es erstrebenswert. Vor allem, wenn ich an Henrys Kochkünste dachte.
Ich öffnete die Tür zum Flur und ein schwarz-weißer Schatten huschte in die Küche.
„Hallo Lucifer!“, rief ich entzückt. Der Kater hielt inne und sah mich an, als wollte er fragen, was ich hier verloren hätte.
„Ist das wirklich der Teufel?“, fragte das Mädchen, Henrys Enkelin, ehrfürchtig und ein wenig ängstlich. Ihr Bruder lugte unsicher hinter der Kochinsel hervor.
„Nein, Lucifer ist einfach nur eine Katze“, versicherte meine Haushälterin ihr. „Er hat mit dem Teufel Lucifer sicherlich nichts zu tun.“
Ich hätte natürlich den Mund halten können. Schließlich gab es weder den Teufel noch Lucifer. Wie gesagt: Ich hätte.
„Bevor Lucifer zum Teufel wurde, war er ein Engel“, begann ich also und bereute es sofort. Was tat ich da eigentlich? Doch es war zu spät, um jetzt die Küche zu verlassen. Die beiden Kinder starrten mich mit großen Augen an.
„Wie, ein Engel?“, fragte der Junge.
Es wäre besser gewesen, ihnen zu erklären, dass es Engel, wie sie sie aus ihrem Glauben kannten, nicht gab. Eine Erfindung, an der wir Krojak nicht ganz unschuldig waren. Im Grunde waren sie eine schlechte Kopie von uns, die sich das Christentum angeeignet hatte. Aber gut.
„Lucifer war ein Engel, der sich gegen Gott“, beinahe hätte ich von der Mehrzahl gesprochen, „aufgelehnt hat. Er rebellierte und Gott verbannte ihn aus seinem Reich.“ Ich stockte, als mir bewusst war, dass diese Geschichte meiner eigenen nicht ganz unähnlich war. „Dass er mit dem Teufel gleichgestellt ist, hat man erst im Mittelalter entschieden. Genau genommen war er einfach nur ein gefallener Engel.“
Die Kinder sahen mich mit großen Augen an und ich wandte mich ab, bevor sie weitere Fragen stellen konnten. Nein. Ich war kein gefallener Engel. Ich war eine Krojak. Und sollte nicht über so einen Blödsinn nachdenken.
Kaum aus der Küche getreten, fiel mein Blick wieder auf die monströse Tanne. Wie zum Dämon hatte Henry sie hier überhaupt reinbekommen?